Die Stadt Kolberg
Militärwesen
Die Wehrhoheit besaß seit alters der Rat. Zur Verteidigung waren die Zünfte militärisch organisiert, seit dem 17. Jahrh. besonders die Vierwerke: Schuster, Bäcker, Schneider, Schmiede, daneben Schlosser hervorgehoben. Im Rüsthaus die Waffen, seit Ende des 14. Jahrh. Geschütze. Im 16. Jahrh. eine Harnischmühle und Pulvermühle, Harnischmacher, Schwertfeger, Armbrustmacher schon vor 1400. Das Kommando führte der Wachtmeister des Rates und unter ihm die Kapitäne der Quartiere. Der Wallmeister hatte die Aufsicht über Wall und Mauern, der Artilleriemeister über die Geschütze.
Nach Übergang an Brandenburg forderte 1655 der Große Kurfürst noch Ausrüstung der Bürger mit Ober- und Untergewehr, Pulver, Spieß, Harnisch, Bandelier, Musterung von Roß und Mann. Aus dieser Stadtwehr bildete sich das eigenartig uniformierte Bürger-Gren.Bataillon seit Anfang des 17. Jahrh., anfangs nach den 3 Quartieren 3 Kompanien, 1665 schon 4 und seit 1708 bereits 5. Bis 1945 noch vorhandene 3 Fahnen trugen die Jahreszahl 1665 und Teile des Stadtwappens. Das etwa 800 Mann starke Bataillon holte mehrfach zollernsche Fürsten ein und leistete in den russischen und in der französischen Belagerung Walldienst und Löschwesen.
Am 4.12.1889 wurde das Bürger-Gren. -Bataillon durch Kaiser Wilhelm II. aufgelöst. Im 30jähr. Krieg vom Nov. 1627 bis 2.3.1631 von den Kaiserlichen, dann von 1631-53 von den Schweden besetzt. 1759, 1760 und 1761 von Russen im 7jähr. Kriege belagert, vom 16.12.1761 bis 9.9.1762 von den Russen besetzt. Berühmt ist die Belagerung 1807 durch die Franzosen, Verteidigung durch Schill, Nettelbeck, Gneisenau. Der Befreiungstag, 2.7.1807, wurde bis 1945 jährlich gefeiert.
Brandenburg.-preuß. Garnison: 1653-1713 Esk. (Batl.) Sparr-Schwerin, 1713-88 das Garn.-Batl. Nr. 3, während des 7jähr. Krieges Milizen und BürgerbatL, 1788-1807 die beiden dritten (Depot-) Batl. der Rgt. Nr. 7 Stettin und Nr. 30 Anklam (v. Owstin und v. Borke), 1807 dazu das Füsilier-Batl. v. Möller, das Gren.-Batl. v. Waldenfels, das 2. pomm. und 3. neumärk. Reserve-BatL, dieJä-gerkomp. v. Dobrowolski, die reitende Halbbatt. v. Schüler (Stamm des I. pomm. Feld-Art.Rgt. 2), das Schillsche Korps, 1807-19 das Kolberger Inf.-Rgt. Nr. 9, 1819-32 das II. Batl. Inf.-Rgt. 34,1832-59 das Füs.-Batl. Inf.-Rgt. 21, 1859-60 dazu das II. komb. Res.-Batl. 21. Rgt., 1860 bis zur Heeresauflösung das I. und II. Batl. Inf.-Rgt. von der Goltz (7. pomm.) Nr. 54. Dazu Art.:
die 1807 gebildete Ausfallbatt. v. Schüler, Stamm zur 2. Art.-Brig. Seit 1818 der Stab derselben mit der 3. Fuß-komp. und 1836 die 5., 6., 7., 8. Komp.,1857 dazu die 3. und 4. sechspfündige und die Haubitzbatt. der II. Abti., 1860 die ganze II. FußabtL, 1862 die sechspfündige Batt. Daneben die 3. Komp. der Festungsabt., 1867 die ganze
1. Fußabt., später I. Feldabt, genannt, das pomm. Feldart. Rgt. 2 und von 1874-89 die I. Abt. des pomm. Feldart.-Rgt. 17. Am 29.3.1889 rückte die Art. nach Graudenz ab, und Kolberg blieb 1889-1903 nur Garnison von 2 Batl. des Inf.-Rgt. 54. Dazu nach Neubau von Kasernen seit 1906 die I. Abt. des l. pomm. Feldart.-Rgt. 2. Der Stab dieses Rgt. und der des Inf.-Rgt. 54 von 1903-1914.
Während des l. Weltkrieges Ersatztruppenteile und 26 Lazarette mit Hilfe der Solbäder und Kurhotels. Am 12. und 20.12.1918 Heimkehr der Batl. des Inf.-Rgt. 54 und des 2. Art.-Rgt., bald teilw. Ausmarsch zum Grenzschutz Polen. Vom 9.2.1919 bis Mitte Juli 1919 Sitz der Obersten Heeresleitung unter Feldmarschall v. Hindenburg und zum Schutze der OHL als Freikorps Hindenburg das Batl. Otto, l Freiw. Garde-Gren.-Batl., l Freiw. Batt. Art.-Rgt. 2 und 2 Freiw. Schwadr. der 16. Drag. und 5. Jäger zu Pferde. Auflösung 13.6.1919. Das in Kolberg bleibende Garde-Gren.-Batl. verschmolz im April 1920 mit dem aus Neustettin kommenden Kulmer Jäger-Batl. 2 zum Reichswehr-Jäger-Batl. Fürst Bismarck als Batl. des Reichswehr-Schützen-Rgt. 4.
1934 Bau der Waldenfels-Kaserne für die Panzer-Abwehr-Abteilung. Ab 1939 wieder Lazarettstadt, wie im l. Weltkrieg: Beschlagnahmung von öffentlichen Gebäuden, u.a. Domgymnasium und ab 1944 Lyzeum. 1944 Einberufungen zum „Volkssturm". Seit November 1944 zur Festung erklärt. Dadurch verstärkt Schanzarbeiten, auch durch Frauen. Ab Jahreswende 1944 / 45 großer Zustrom von Flüchtlingen, vor allem aus Ost- und Westpreußen. Am 1.3.45 wurde Oberst Fullriede Festungskommandant. Es gab nur schnell ausgehobene Stellungsbauten. Vorhandene Besatzung waren ein Feldausbildungsbataillon, ein nur zur Hälfte mit Gewehren ausgerüstetes Volkssturm-Bat., ein Volkssturm-Werfer-Zug mit 800 Schuß Munition, 8 leichte Feldhaubitzen, 7 schwere und 8 leichte Flakgeschütze, l Panzerzug, 3200 Soldaten, von denen nur 2200 für den Infanterie-Einsatz vorgesehen waren. Am 4.3.1945 erreichten sowjetische Panzerspitzen den Stadtrand beim Kautzenberg. Kolberg wurde eingeschlossen und leistete der Roten Armee heftigen Widerstand, um die eingeschlossenen Soldaten und Flüchtlinge (etwa 80 000) ausschiffen zu können. Am 18.3.1945 wurde der Widerstand aufgegeben, Russen und Polen besetzten die entvölkerte, zu über 90 % zerstörte Stadt.